Der Baum des Lebens

Verzweifelt versuchte der Baum des Lebens sein letztes grünes Blatt zu behalten. „Nur das Blatt der Hoffnung ist mir geblieben“, dachte der Baum müde und enttäuscht von dem ewigen Kampf, um das Leben zu erhalten. „Der Mensch zerstört alles um sich herum, ohne darauf zu achten, dass er sich selbst vernichtet. Alle meine Blätter, die das Leben auf der Erde erhalten soll, sind in alle Windrichtungen zerstreut. Jedes einzelnes Blatt ist verloren gegangen. Das Blatt der Liebe, der Hilfsbereitschaft, des Respekts, der Treue, des Glaubens, der Freude, der Freundlichkeit, des Friedens, alle sind verloren gegangen. Nur das Blatt der Hoffnung ist mir geblieben.“ „Ich werde das Lied der Hoffnung singen“, dachte der Baum und sein Blatt fing an zu rascheln und die traurige Melodie der Hoffnung zu singen, „Vielleicht wird jemand mich hören, bevor es zu spät ist.“

Eine traurige Melodie weckt die Eule aus ihrem Schlaf. „Diese Melodie kenne ich“, dachte die Eule schläfrig und streckte müde ihre Flügel aus.„Vor langer, langer Zeit habe ich sie gehört, als Mensch und Tiere friedlich im Paradies lebten. Der Baum des Lebens hat das Lied damals im Paradies gesungen, bevor Mensch und Tier aus dem Paradies vertrieben wurden. Der Baum des Lebens darf eigentlich nur singen, wenn Gefahr droht“, murmelte die Eule und war plötzlich wach. Es drohte Gefahr, große Gefahr und sie flog davon. „Ich muss den Baum des Lebens sehen und alle Tiere der Welt zusammen rufen.“ Auch die Bäume haben das Lied gehört und verstanden und versuchten durch das Rascheln ihrer Blätter, die Tiere zu wecken. Die Vögel verließen ihre Nester und die Tiere ihre Höhlen und alle versammelten sich um den Baum des Lebens.

„Was ist mit dir passiert?“, fragte die Eule und ließ sich auf einem Ast nieder.
„Wir haben dein Lied gehört und wir sind gekommen“, sagte der Wolf und drängelte sich nach vorne.
„Und wo sind deine Blätter?“, fragte der Hase ängstlich.
„Das Leben von Menschen und Tieren ist in Gefahr!“, sagte der Baum müde. „Ein starker Wind vom Hass und Zerstörung hat alle meine Blätter zerstreut und nur das Blatt der Hoffnung ist mir geblieben. Ihr müsst mir helfen, die Blätter wieder zu finden und sie in das Wasser der Unsterblichkeit zu tauchen, so werden neue Blätter wieder wachsen und die Menschheit wird gerettet!“
„Warum sollen wir den Menschen helfen?“, brummte der Bär.
„Sie haben uns gejagt und getötet!“, sagte der Elefant empört. „Und jetzt sollen wir die Menschen retten?“
„Sie zerstören unsere Wälder und unser Zuhause!“, brüllte der Löwe und alle anderen Tiere stimmten zu.
„Ihr habt alle Recht!“, sagte die Eule, „Aber wenn die Menschheit in ihrem eigenen Hass, Gier, Krieg und Gewalt sich selbst zerstört, sind wir auch in Gefahr.“
„Und nicht alle Menschen sind schlecht!“, piepste eine Maus erschrocken vor dem eigenen Mut. „Wir machen uns auf die Suche“, sagte der Löwe entschlossen und von dem neuen Abenteuer plötzlich begeistert.
„Wir machen uns alle auf dem Weg und wir werden deine Blätter wieder finden!“, sagte die Eule und breitete ihre Flügel aus.

Alle Tiere der Erde von der kleinen Maus bis zum Elefant machen sich auf der Suche nach den Blättern, die den Baum des Lebens und die Menschheit retten sollten. Sie durchsuchten jede Ecke der Erde und die Blätter, die das Leben erhalten, wurden wiedergefunden. Das Blatt der Liebe, der Freude, der Hilfsbereitschaft, des Mutes, der Freundschaft, des Vertrauens wurden wiedergefunden und in das Wasser der Unsterblichkeit eingetaucht. Der Baum des Lebens erwachte zum Leben grün und lebendig, wie nie zuvor und die Menschheit fand ihre Werte wieder und lernte wieder zu hoffen und zu lieben.

(Gloria Sutschek, Kinderpflege 1)