Meine Geschichte

 

Ich weiß nicht, ob du schon einmal von mir gehört hast, aber mir ist was Furchtbares passiert. Jedes Tier in der Umgebung hat schon zumindest von mir gehört oder kennt mich.

Nun zu mir: Ich bin ein reines Vollblut. Ich habe braunes Fell und leuchtende kupferfarbene Augen. Nicht zu vergessen, ich bin ein Pferd. Ein wildes Pferd und mein eigener Herr und lebe am liebsten frei. Nun ja, zumindest war es vorher so. Und jetzt zu meiner Geschichte:

Es war ein sonniger Tag auf der Wiese im Tal. Meine Familie graste und ich stand eher abseits und dachte darüber nach, wie es sich wohl anfühlen würde, frei zu sein. Frei von Verantwortung, frei vom Schicksal was mich erwartete, da mein Vater der Anführer unserer Herde ist und ich seinen Platz einnehmen muss. Eigentlich hoffte meine Mutter, dass ich mit der Zeit ruhiger werde, dass ich lerne, was Verantwortung überhaupt ist, dass ich endlich erwachsen werde. Aber leider musste ich sie enttäuschen. Ich war nicht wie mein Vater. Er war ein starker und ein sehr ruhiger und dominanter Hengst. Er witterte immer als erster die Gefahr und wusste immer was zu tun ist. Er konnte unsere Herde immer beschützen. Und das Wichtigste: Er setzte unsere Herde niemals der Gefahr aus. Aber ich war aber immer anders. Ich war zu diesem Zeitpunkt einfach nur jung und wild. Ich wusste von Geburt an: Ich will Freiheit! Ich wollte nie seine herrschende und anführende Position übernehmen. Aber es war unsere Tradition und keiner wollte etwas daran ändern. Und so kam es leider genau so, wie ich es nicht haben wollte, wovor ich immer Angst hatte. Mein Vater verstarb. Nun stand ich da und wusste nicht was ich tun sollte. Ich war zu jung und unwissend. Ich dachte, ich hätte noch viel Zeit. Es kam aber anders. Alle schauten zu mir auf und erwarteten von mir, dass ich etwas Weises oder Kluges sage. Aber ich musste sie alle enttäuschen. Innerhalb von wenigen Sekunden war ich mit der Gesamtsituation überfordert und so verängstigt, dass ich in Tränen ausbrach und weglief. Ich wollte niemandem meine Schwächen zeigen. Zumindest dachte ich zu dem Zeitpunkt, dass es eine Schwäche ist. Ich galoppierte gefühlt einige Stunden, bis ich vor lauter Erschöpfung am Abend zusammenbrach und direkt einschlief.  Ich hatte wohl die ganze Nacht durchgeschlafen, denn als ich wieder aufwachte, stieg die Sonne hinter den Bergen empor. Ich schaute mich um und erkannte den Wald nicht, in dem ich am Abend zuvor angekommen war. Ich erschrak fürchterlich, als ich ein verdächtiges Rascheln aus einem Busch hörte. Dennoch war ich sehr neugierig und wollte wissen, wer sich da versteckt. Also habe ich versucht, mich hinter einer Baumreihe zu verstecken und schaute in die Richtung des Busches. Zunächst sah ich eine schwarze kleine Nase und hörte ein komisches Grummeln. Dieses Tier beschwerte sich über andere Tiere im Wald, die ihm das Essen stahlen. Ich wurde immer neugieriger und kam diesem Busch näher. Ich forderte das Tier vorsichtig auf, heraus zu kommen. Also kam es heraus und siehe da, es war ein alter kleiner Dachs. Er fragte mich wer ich sei und was ich in seinem Wald verloren habe. Also erzählte ich ihm, was geschehen war. Ich bat ihn, mir den Rückweg zu meinem Tal, meiner Wiese zu verraten. Aber leider konnte er mir nicht richtig helfen und schickte mich in die Richtung der Berge. Dort werden mir andere Tiere helfen können. Ich bedankte mich höflich und trabte los.

Als sie Sonne ganz oben am Himmel zu sehen war und es immer wärmer wurde, kam ich endlich am Fuße der Berge an. Ich hatte ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend. Es war still. Sehr still. Zu still! Ich konnte nicht einmal einen Vogel zwitschern hören. Also lief ich immer langsamer und spitzte die Ohren. Ich wollte genau hinhören, ob ich etwas Gefährliches wahrnehmen kann. Plötzlich hörte ich etwas und ich versuchte mich hinter einem Felsen klein zu machen. Ich blickte am Felsen vorbei und erkannte einen Wolf! Ich hatte schon wieder diese Furcht in mir gefühlt, wie an dem Tag, als ich den Platz meines Vaters einnehmen sollte. Komischerweise war aber dieser Wolf alleine. Was selten vorkommt, da Wölfe Rudeltiere sind. Ich hatte Angst, dass der Wolf mich angreift. Also blieb ich hinter diesem Felsen und beobachtete diesen Wolf. Er war sehr entspannt und sah nicht hungrig aus. Als er sich hinlegte, rief er in meine Richtung „Ich kann deine Furcht riechen! Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich bin alle und gefressen habe ich auch schon! Komm heraus!“ Meine Neugierde war plötzlich größer als meine Angst. Ich traute mich, heraus zu kommen und lief langsam auf ihn zu. Er fragte mich, was ich so alleine in den Bergen verloren habe. Also erzählte ich auch ihm, wie dem Dachs, meine Geschichte. Er hörte mir ruhig und geduldig zu und ich sah ihm an, wie er nachdachte. Er nickte und sagte zu mir, dass er den Weg zu meiner Wiese nicht genau wüsste, aber er schickte mich mitten durch die Berge hinaus auf ein Feld. Ich bedankte mich höflich und galoppierte los.

Als es langsam dämmerte, kam ich an einer Höhle am Rande eines Feldes an. Ich roch etwas sehr Seltsames. Dieser Geruch hat mir nicht gefallen. Aber ich rief trotzdem in der Hoffnung Hilfe zu erhalten, in die Höhle hinein. Ich bat um Hilfe. Plötzlich wurde mir Erde und Dreck aus der Höhle entgegengeworfen. Ich habe kurz aufgeschrien, war aber sofort wieder still, da ich nicht böse wirken wollte. Ich habe diese Hilfe sehr gebraucht. Nach einiger Zeit und einem Haufen Erde, kam der Höhlenbewohner endlich ans Licht. Es war ein kleiner Fuchs! Er war sehr hübsch. Er war orange und roch eigentlich nicht so schlimm, wie die Höhle. Als er mich sah, sagte er direkt, dass ich mich nicht sorgen soll. Er erzählte, dass in dieser Höhle früher einige Dachse gewohnt haben und der Geruch von ihnen kam und nicht von ihm. Ich habe mir nichts dabei gedacht und begann ohne Aufforderung, meine Geschichte zu erzählen. Er fing an zu lachen. In diesem Moment war ich sehr irritiert und wusste nichts damit anzufangen. Er bemerkte mein total verwirrtes Gesicht und hat mich aufgeklärt. Meine Wiese befand sich wenige 100 Meter entfernt. Ich sollte nur über den Hügel am Feld laufen und wäre direkt da. Ich galoppierte in einem sehr schnellen Tempo los und wieherte so laut ich konnte „Daaaaankeeee!“. Ich habe mich so sehr auf meine Familie gefreut, wie noch nie in meinem Leben. Als ich endlich oben auf dem Hügel ankam, sah ich schon meine geliebte Herde. Sie war verängstigt und sehr unruhig. Als sie mich bemerkte, kam sie mir direkt entgegen. Alle Mitglieder meiner Herde schrien sofort „Gott sei Dank, er lebt!“. Das hat mich sehr überrascht, denn ich dachte, dass sie froh wären mich los zu werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich brach ein zweites Mal vor meiner Herde in Tränen aus. Ich erklärte, wie kindisch mein Verhalten war und dass ich mit ihnen hätte reden sollen, anstatt weg zu laufen. Sie hatten so viel Verständnis für meine Situation. Ich hätte damals niemals gedacht, dass ich nicht nur zu meinen Stärken, sondern auch zu meinen Schwächen stehen soll und über alles reden kann. Dieses Erlebnis hat mich sehr viel stärker gemacht und ich bin reifer geworden. Ich werde es nie wieder so weit kommen lassen.

(Daria Rehm, Kinderpflege 1)